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PSYCHE UND KÖRPER

Reizdarm: wenn der Bauch mitfühlt

Reizdarmsyndrom: Wirkt sich Stress auf den Darm aus?
Letzte Aktualisierung:
Di., 15. März 2022
Hat die Psyche Einfluss auf die Verdauung? Können Stress oder Ängste Reizdarm-Symptome auslösen? Und was tun, wenn die Psyche auf den Darm schlägt? Allgemeinärztin Dr. Saloojee hat Antworten.

Das Reizdarmsyndrom ist eine Erkrankung des Verdauungssystems, die bis zu 20 % der Menschen weltweit betrifft. Es ist eine der häufigsten Diagnosen im Magen-Darm-Bereich und eine häufige Ursache für Krankschreibungen.

„Das Reizdarmsyndrom ist eine chronische Erkrankung, die man langfristig in den Griff bekommen muss“, erklärt Dr. Roshaan Saloojee, Allgemeinmedizinerin bei Kry. Auch wenn die Beschwerden nicht zu einer schweren Krankheit führen, können sie die Patient:innen im Alltag stark belasten.

Was genau das Reizdarmsyndrom hervorruft, weiß man bis heute nicht genau. Es ist jedoch allgemein anerkannt, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Darmgesundheit und Psyche gibt. Dieser ist auf die so genannte Darm-Hirn-Achse zurückzuführen. Wenn du Ängste und Stress in den Griff bekommst, wäre es möglich, dass sich auch der Darm beruhigt.

Was verursacht das Reizdarmsyndrom und wer ist betroffen?

„Die genaue Ursache des Reizdarmsyndroms ist nicht bekannt, aber mögliche Ursachen sind überempfindliche Nerven im Darm oder im Immunsystem. Auch die Ernährung kann eine Rolle spielen. Besonders Nahrungsmittel, die den Darm zu schnell oder zu langsam passieren, rufen Beschwerden hervor. Ein weiterer Faktor ist Stress oder eine familiäre Vorbelastung“, erklärt Dr. Saloojee.

Unter bestimmten Bedingungen kommt das Reizdarmsyndrom häufiger vor. So kann zum Beispiel eine bakterielle Darminfektion dieses Syndrom auslösen. Stress erhöht wiederum die Gefahr, dass nach einer Infektion ein Reizdarmsyndrom entsteht.

Das Auftreten eines Reizdarmsyndroms ist wahrscheinlicher, wenn:

  • du unter 50 bist,
  • du eine Frau bist,
  • das Reizdarmsyndrom bereits in deiner Familie auftritt,
  • du unter Angststörungen, Depressionen oder anderen psychischen Problemen leidest.

Welche Beschwerden sind typisch für das Reizdarmsyndrom?

Häufige Symptome des Reizdarmsyndroms sind:

„Die Symptome kommen und gehen“, erklärt Dr. Saloojee. „Sie können Tage, Wochen oder Monate anhalten und unterschiedlich stark ausgeprägt sein.“

Welche Verbindung besteht zwischen unserem Gehirn und dem Magen-Darm-Trakt?

Es besteht eine enge Verbindung – und praktisch jede Darmfunktion reagiert bei Stress empfindlich. Die meisten von uns haben es schon selbst erlebt, dass unser Verdauungssystem auf Emotionen und psychologische Belastungen reagiert. Man denke an Ausdrücke „Schmetterlinge im Bauch“ oder „Das schlägt mir auf den Magen“.

Der Grund dafür ist, dass zwischen unserem Darm und dem Gehirn eine direkte Verbindung besteht: die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Das zentrale Nervensystem, wozu unser Gehirn und die Nerven gehören, ist in zwei Teile unterteilt: das sympathische und das parasympathische Nervensystem.

„Dabei steuert das sympathische Nervensystem die Organfunktionen in Stresssituationen, während das parasympathische Nervensystem sie in Ruhe reguliert. Dazu kommt das sogenannte enterische Nervensystem oder Darmnervensystem, das den Darm kontrolliert – umgangssprachlich auch Bauchhirn genannt“, erklärt Dr. Saloojee.

Der Begriff Darm-Hirn-Achse beschreibt die wechselseitige Kommunikation zwischen dem zentralen und dem Darmnervensystem.

Wegen der Darm-Hirn-Achse können sich Emotionen auf den Darm auswirken und diesen auf verschiedene Weise beeinflussen. Auch der Darm kann wiederum die Psyche beeinflussen. Verdauungsstörungen können daher auch psychische Störungen wie Panikattacken und Depressionen auslösen. Umgekehrt beeinflussen Angst und Stress unsere Darmflora und unser Wohlbefinden.

Das soll nicht heißen, dass alle Darmsymptome, die mit der psychischen Gesundheit in Verbindung stehen, auf das Reizdarmsyndrom zurückzuführen sind. Angst kann zum Beispiel alles Mögliche verursachen, von Magenschmerzen bis hin zu einer Veränderung des Stuhlgangs.

Können Stress und Angst Reizdarm-Symptome verursachen?

Stress, Ärger und Angst aktivieren das zentrale Nervensystem. Die freigesetzten Stresshormone wiederum aktivieren die Nervenzellen in der Darmwand. Das wirkt sich auf die Verdauungsprozesse im Darm aus und Durchfall, Verstopfung, Blähungen oder Unwohlsein sind die Folge.

Auf der anderen Seite kann auch das Reizdarmsyndrom selbst wiederum Stress und Ängste auslösen, was zu einem Teufelskreis führt. Eine Umfrage unter Patient:innen mit Reizdarmsyndrom ergab, dass 44 % auch unter Angststörungen und 84 % unter Depressionen litten.

„Der Zusammenhang zwischen Stress und Reizdarmsyndrom ist zwar eindeutig, aber Stress ist in der Regel nicht der einzige Einflussfaktor – auch wenn er eine zentrale Rolle spielt“, erklärt Dr. Saloojee.

Auch das Mikrobiom (die Gesamtheit der Bakterien im Darm) spielt eine große Rolle. Eine veränderte Zusammensetzung der Bakterien kann sich auf die Verdauung auswirken. Daher treten Reizdarm-Beschwerden auch nach Magen-Darm-Infekten oder einer Antibiotika-Behandlung auf.

Stress und Traumata können dafür sorgen, dass sich die Symptome des Reizdarmsyndroms verschlimmern. Oft gibt es Trigger-Faktoren, Momente im Leben von Patient:innen, die besonders belastend sind, kurz bevor die Symptome des Reizdarmsyndroms auftreten.

Wie kann das Reizdarmsyndrom behandelt werden?

„Manche Betroffene bekommen ihre Beschwerden in den Griff, indem sie ihre Ernährung und ihren Lebensstil ändern und Stress abbauen“, so Dr. Saloojee. Wenn jedoch einfache Änderungen der Lebensweise nicht ausreichen, kann eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie helfen.

„Liegen psychische Belastungen vor, kann eine Psychotherapie sinnvoll sein. Effektiv sind insbesondere kognitive Verhaltenstherapie, Hypnose, Entspannungs-. und Achtsamkeitsübungen“, fügt Dr. Saloojee hinzu. Betroffene können mit Hilfe der kognitiven Verhaltenstherapie negative Gedankenmuster und Einstellungen durchdringen und lernen, diese zu verändern, um auf diese Weise Verhaltensweisen zu ändern, die zu körperlichen und psychischen Erkrankungen beitragen können.

Es können auch Entspannungstechniken erlernt werden. „Die Patient:innen beginnen so zu verstehen, wie die Darmsymptome mit ihrer Stressreaktion genau zusammenhängen. Die Forschung zeigt, dass die kognitive Verhaltenstherapie zur Verbesserung von Darmsymptomen und der Lebensqualität hilfreich sein kann und Stress und Ängste abbaut.“

Einige Forschende glauben, dass Patient:innen mit Reizdarmsyndrom unter einer erhöhten Darmempfindlichkeit leiden, die normale Blähungen und den Stuhlgang schmerzhafter macht. Das könnte der Grund sein, warum manche Menschen mit Reizdarmsyndrom Medikamente wie Antidepressiva als hilfreich empfinden. Denn diese verbessern nicht nur die Stimmung, sondern verringern auch die Überempfindlichkeit des Darms und das Schmerzempfinden.

Wie kann ich stressbedingte Reizdarm-Symptome verhindern?

Dr. Saloojee empfiehlt, zunächst die wichtigsten Stressfaktoren zu ermitteln. „Um solche Trigger zu finden, kann es hilfreich sein, jeden Tag ein Tagebuch über die Darmsymptome zu führen und zu sehen, ob es einen Zusammenhang zwischen deinem psychischen Befinden und dem Auftreten von Reizdarmsymptomen gibt“, sagt sie.

Sobald du die Auslöser gefunden hast, kannst du etwas dagegen tun. Aufgrund der engen Verbindung zwischen Gehirn und Darm kann dies zu einer Verbesserung der Symptome oder zu weniger Krankheitsschüben führen

Hier ein paar Tipps von Dr. Saloojee:

  • Versuche Yoga, Meditation, Atemübungen und regelmäßige Bewegung in deinen Alltag einzubauen, um Stress abzubauen.
  • Achte auf eine gute Schlafroutine, indem du zu regelmäßigen Zeiten ins Bett gehst, auf Bildschirmgeräte, wie Tablet oder Smartphone, vor dem Schlafengehen verzichtest und das Schlafzimmer dunkel hältst.
  • Achte auf mindestens 7-8 Stunden Schlaf pro Nacht.
  • Trinke mindestens 8 Gläser Wasser pro Tag.
  • Reduziere Koffein, das den Darm anregt.
  • Nimm kleinere Mahlzeiten zu dir.
  • Vermeide gebratene oder fettige Lebensmittel.
  • Vermeide Lebensmittel, die Beschwerden auslösen können - dazu können Milchprodukte, Bohnen, Linsen, Kohl, Brokkoli oder andere Lebensmittel gehören, die zu Blähungen führen.
  • Probiotika (gute Bakterien) haben eine positive Wirkung auf die Darmflora und können Blähungen und Völlegefühl lindern.
  • Versuche auch, mehr Ballaststoffe in deine Ernährung aufzunehmen.
  • Nimm, wenn nötig, Medikamente, um die Beschwerden zu lindern.
  • Wende dich für weitere Unterstützung an deine Hausärztin oder deinen Hausarzt.

Wann sollte ich zum Arzt gehen?

„Wer unter Symptomen eines Reizdarmsyndroms leidet, die das tägliche Leben beeinträchtigen, sollte sich ärztlichen Rat holen“, so Dr. Saloojee.

Deine Ärztin oder dein Arzt wird dich über deine Beschwerden und deine Krankengeschichte befragen, dich untersuchen und eventuell eine Blut- oder Stuhluntersuchung veranlassen. Es gibt keinen spezifischen Test zur Diagnose des Reizdarmsyndroms, aber diese Untersuchungen können andere Erkrankungen wie Nahrungsmittelunverträglichkeiten (z. B. gegen Zuckerersatzstoffe, Laktoseintoleranz, Fruktoseintoleranz), entzündliche Darmerkrankungen, Darminfektionen, Zöliakie und Darmkrebs ausschließen.“

Die folgenden Symptome solltest du ernst nehmen:

Wenn eines dieser Symptome bei dir auftritt, könnte dies ein Anzeichen für eine ernstere Erkrankung sein, sodass du dringend einen Arzt aufsuchen solltest.

Wenn du mit Stress, Ängsten oder Symptomen des Reizdarmsyndroms zu kämpfen hast, sprich mit deinen Freunden und deiner Familie darüber und wende dich an deine Ärztin oder deinen Arzt, um Hilfe zu bekommen.

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