Ergänzende Medizin

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Letzte Aktualisierung: 22. Sep. 2020

Was sie leisten kann – und was nicht

Placebo-Effekt oder medizinisches Wunder? Die Wirkung von Globuli, Ölmassagen und manuellen Therapien ist umstritten. Und doch schwören immer mehr Menschen auf die mitunter uralten Heilkünste. Millionen Euro geben Patientinnen und Patienten in Deutschland jedes Jahr für Homöopathie und Naturheilverfahren aus. Zum Teil übernehmen Krankenkassen die Kosten. Ein Überblick über ergänzende Medizin, wie sie wirkt und wo ihre Grenzen liegen.

In der Alltagssprache werden ergänzende Behandlungsmethoden oft als Alternativmedizin bezeichnet. Tatsächlich können sie aber keine klassische ärztliche Behandlung ersetzen. Deshalb sprechen wir hier von ergänzenden oder begleitenden Therapien.

Auf die sanfte Tour

Im Gegensatz zu herkömmlichen Arzneimitteln ist die Wirksamkeit von Globuli und Co wissenschaftlich nicht belegt. Trotzdem sind viele Patientinnen und Patienten überzeugt, dass ihnen ergänzende Heilmethoden helfen. Etwa 60 % der Deutschen nutzen sie bei ganz verschiedenen Beschwerden, von Kopfschmerzen über Akne bis hin zum Burnout-Syndrom. Was ist also dran an den Methoden, an denen sich die Geister so scheiden?

Wie ergänzende Therapien wirken

Naturheilkundliche Ansätze betrachten die Patientinnen und Patienten aus einer anderen Perspektive. Die Behandlung kann je nach Methode sehr zeitintensiv sein. Im Erstgespräch stellen die Behandelnden andere Fragen, als wir es von einer ärztlichen Untersuchung nach evidenzbasierten Methoden gewohnt sind. Einige Therapieformen beziehen Lebensgewohnheiten, Psyche und soziales Umfeld mit ein. Das Ergebnis: Der Patient fühlt sich wohl und verstanden, baut eine Beziehung zum Therapeuten auf. Das allein kann sich positiv auf den Therapieerfolg auswirken.

Osteopathie: Heilende Hände

Rückenleiden, Gelenk- und Muskelschmerzen lassen sich nicht nur mit Spritzen und Tabletten behandeln. Auch Bewegung kann heilsam sein – vor allem dann, wenn das Schlimmste überstanden ist. Genau hier setzt die Osteopathie an (altgriech. osteon „Knochen“, pathos „Leiden“). Dazu gehören zum Beispiel die Manualtherapie und die Chiropraktik. Osteopathen arbeiten mit den Händen: Sie ertasten Muskelverspannungen und Blockaden des Bewegungsapparats. Dann nutzen sie verschiedene Techniken (z. B. Faszien-Release) und geführte Bewegungen, um Gelenke und Muskeln zu entspannen und zu mobilisieren.

Osteopathie ist eine Therapie, die Zeit und Geduld braucht. Sie heilt ganzheitlich, statt sich auf einzelne Symptome zu fokussieren. So können Schmerzen im Kniegelenk etwa auch aus dem Becken kommen und in den Fuß ausstrahlen. All das berücksichtigen Osteopathinnen und Osteopathen. Und das tut nicht nur Menschen mit Sportverletzungen und Bürorücken gut. Osteopathie ist im wahrsten Sinne des Wortes ein "Handwerk", dass in allen Alters- und Berufsgruppen einen Aufschwung erlebt, seit immer mehr Menschen unter Bewegungsmangel leiden.

Ayurveda: Abschalten auf Indisch

Ayurveda ist in aller Munde: nicht nur in Form von Mundziehöl, sondern auch als Ernährungslehre, Yoga und Pflanzenheilkunde. Die Wurzeln der uralten indischen Heilkunst reichen bis ins 2. Jahrtausend v. Chr. zurück. Ayurveda („Wissen vom Leben“) ist ein ganzheitliches System, das physische, mentale, spirituelle und emotionale Aspekte von Gesundheit vereint. Ayurvedische Anwendungen sollen Mensch und Natur in Einklang bringen. Damit passen sie wunderbar zu einem Zeitgeist, der sich nach Achtsamkeit und Entschleunigung sehnt.

Ölmassagen sind fester Bestandteil einer Ayurveda-Kur, denn sie sollen Regeneration und Tiefenentspannung fördern. Dazu kommen Kurpackungen und Reinigungsrituale, abgerundet durch einen individuellen Ernährungsplan, der sich nach dem Körpertyp richtet. Natürlich darf auch Yoga nicht fehlen. Atemübungen und Meditation gehören genauso dazu wie Kobra und herabschauender Hund.

Homöopathie: Winzige Helfer aus der Natur

Aus Pflanzen, Tierprodukten und Mineralien extrahiert, um ein Vielfaches verdünnt und dann in Form von Streukügelchen, Salben oder Tinkturen verabreicht: Ist das die Formel, nach der homöopathische Mittel funktionieren? Nicht ganz. Homöopathinnen und Homöopathen können im Erstgespräch auch nach Gemütszuständen und Verhaltensweisen fragen. Am Ende soll ein ganzheitliches Krankheitsbild entstehen, für das über 2.500 verschiedene homöopathische Mittel zur Verfügung stehen.

Der Arzt und Apotheker Samuel Hahnemann hat die Homöopathie im 18. Jahrhundert begründet. Er war überzeugt, dass sich Krankheiten mit Mitteln heilen lassen, die ähnliche Symptome wie die Krankheit auslösen. Zum Beispiel: Einen Bienenstich mit Bienengift kurieren. Da die Stoffe zu stark wirkten, begann er sie zu verdünnen (auch: zu potenzieren). Homöopathische Mittel gibt es in Zehner- (D) und Hunderter-Potenzen (C). D20 heißt, der Wirkstoff wurde 20-mal um das Zehnfache verdünnt. Das entspricht dem Verdünnungsgrad einer Brausetablette, die man im Atlantischen Ozean auflöst.

TCM (Traditionelle Chinesische Medizin)

Die Traditionelle Chinesische Medizin ist mehrere Tausend Jahre alt. Im Westen ist sie aber erst Ende des 20. Jahrhunderts angekommen. Zentraler Begriff in der fernöstlichen Heilkunde ist das Qi: Es steht für die Energie, die Gegensätze (Yin und Yang) ins Gleichgewicht bringt. So bedeutet Qigong beispielsweise „am Qi arbeiten“. Dazu gehören Bewegungs-, Kampfkunst- und Meditationsübungen, die die ausgleichende Kraft im Körper fließen lassen. Die bekannteste Methode der TCM ist die Akupunktur, die mit Nadelstichen arbeitet.

Eine TCM-Behandlung beginnt wie die klassische Sprechstunde mit einem Anamnesegespräch. Allerdings sind die Diagnoseverfahren anders als gewohnt. TCM-Ärztinnen und -Ärzte diagnostizieren mit allen Sinnen: Sie können den Fortschritt der Erkrankung an der Zunge ablesen, nutzen in der Pulsdiagnostik ihren ausgeprägten Tastsinn und horchen genau auf die Stimme des Patienten. Wie bei anderen begleitenden Heilmethoden gilt: lieber etwas mehr Zeit mitbringen.

Herkömmliche und ergänzende Therapien kombinieren

Die ergänzende Medizin ist ein wichtiger Teil unseres Gesundheitssystems. Viele Menschen nutzen sie als sanfte Begleitmaßnahme zur medizinischen Behandlung. Unsere Empfehlung: Wenn du unbekannte Beschwerden hast, solltest du sichergehen, dass keine ernsthafte Erkrankung dahinter steckt. Lass dich ärztlich untersuchen und die Ursache deiner Symptome klären. Deine Ärztin oder dein Arzt kann dich dazu beraten, ob eine ergänzende Behandlung für dich in Frage kommt.

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