Familie

Interview: Warum Spielen so wichtig ist

Sarah Maria Röckel von Kindsgut
Letzte Aktualisierung: 15. Apr. 2021

Kleinkind-Pädagogin Sarah Maria Röckel über Tablets, Bauklötze und die Bedeutung des Spielens in Corona-Zeiten

Sarah Maria Röckel ist studierte Kleinkind-Pädagogin, bei Kindsgut für die Produktentwicklung zuständig und selbst Mutter einer kleinen Tochter. Wir haben uns mit Sarah darüber unterhalten, wie Stadt- und Landkinder spielen, warum eine Kleidertruhe wahre Wunder wirken kann und wie Eltern im zweiten Homeoffice-/Homeschooling-Jahr einen kühlen Kopf behalten können.

Was war als Kind dein Lieblingsspielzeug?

Laut meiner Mutter waren Lego Duplo und mein Kaufladen mein Lieblingsspielzeug. Später im Grundschulalter habe ich aber fast nur noch draußen gespielt. Bei Wind und Wetter bin ich gerne auf Bäume geklettert, habe die umliegenden Spielplätze unsicher gemacht und die ganze Nachbarschaft mit Kreidemalerei verschönert.

Spielen die Kinder heute anders als früher?

Auch wenn es in den letzten 20 Jahren natürlich einen großen digitalen Fortschritt gab, der sich auch auf Spielzeuge niederschlägt und so vor dem Kinderzimmer nicht Halt macht: Ich denke trotzdem, im Großen und Ganzen wird heute noch ganz ähnlich gespielt wie früher.

Es kommt natürlich auch darauf an, in was für einem Umfeld ein Kind groß wird. Stadt oder Land, mit Geschwistern oder ohne, wie viel Zeit können sich die Eltern nehmen um gemeinsam zu spielen, wie oft und wie lange sind Kinder in einer Betreuung etc. Was für uns früher der Fernseher war, sind heute auch mal Tablet, Handy & digitale Spielsachen. Aber diese Aktivitäten werden noch immer durch ganz klassisches Spielen und Spielzeug ergänzt. Spielplätze sind heute genauso voll wie vor einigen Jahren. Auch Bauklötze, Buntstifte, Lego, Puppen & Co. sind Klassiker, die wohl auch in Zukunft nicht aus der Mode kommen.

Meine Tochter spielt in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich wie ich früher, nur die Rahmenbedingungen sind anders: Ich bin mit einem großen Feld und Wald direkt neben der Haustür groß geworden. Meine Tochter wächst mitten in der Großstadt auf.

Warum spielen Kinder überhaupt – und warum ist Spielen so wichtig?

Das Spielen erfüllt eine Reihe von Funktionen für Kinder. Hier gibt es aber verschiedene Auffassungen. Einmal, dass Kinder im Spiel „überschüssige“ Energie loswerden, dann dass das Spiel auch eine Art Erholung darstellt. Vor allem aber erlernen Kinder im Spiel gewisse Fähigkeiten. Diese werden dann nach und nach weiterentwickelt, eingeübt und ausgebildet.

Dazu zählt in den ersten Monaten die Entwicklung von sensomotorischen Fähigkeiten wie dem Greifen. Auch das Bewusstwerden der eigenen Existenz und das Flüchten in eine andere Welt oder Rollen wird im Spiel möglich. Aber auch das Erlernen sozialer und emotionaler Kompetenzen ist ein ganz wichtiger Punkt, der spielerisch erlebt und erlernt wird.

Gibt es Formen des Spielens, die die Entwicklung eines Kindes besonders fördern?

Rollenspiele bieten eine schöne Möglichkeit, dass Kinder gemeinsam mit anderen Kindern oder Erwachsenen ihre eigenen Grenzen austesten, andere Perspektiven einnehmen und ihrer Phantasie freien Lauf lassen können. Eine Truhe voller Verkleidungsstücke und Accessoires wirkt an so manchen Regentagen Wunder. Und dafür müssen wir noch nicht mal tief in die Tasche greifen und aufwendige Kostüme kaufen. Bunte Tücher, aussortierte Hüte und Co. erfreuen sich hier neuer Besitzer:innen.

Tablets für Kinder: Ja oder nein?

Ja – aber: Qualität und Quantität müssen von uns Erwachsenen kontrolliert werden. Wir müssen festlegen, für welche Zwecke unsere Kinder solche Geräte benutzen und müssen dafür Sorge tragen, dass sie nur ihrem Alter entsprechenden Content konsumieren. Auch die Zeit, die Kinder mit diesen Geräten verbringen, sollte von Eltern immer im Auge behalten werden.
Außerdem würde ich bis zu einem Alter von 5 Jahren empfehlen, das Tablet immer nur gemeinsam zu benutzen und anschließend über das Gesehene zu sprechen.

Was würdest du Eltern raten, deren Kinder zu viel Zeit am Bildschirm verbringen?

Hier stellt sich generell erst mal die Frage – was heißt zu viel? Und finden die Eltern selbst, dass es zu viel ist oder sehen das Außenstehende so? Gerade in Zeiten von Corona, Homeschooling plus Homeoffice und all den extra Herausforderungen, vor denen viele Familien aktuell stehen, denke ich, darf man in Ausnahmefällen auch mal ein Auge zudrücken und ein paar extra Minuten Bildschirmzeit erlauben – wenn Eltern zum Beispiel in einen wichtigen Call müssen oder einfach mal kurz durchatmen wollen.

Generell gilt oft die Faustregel, dass für Kinder ab 3-5 Jahren 30 Minuten Bildschirmzeit ein guter Zeitrahmen sind. Ab 6 Jahren wird eine tägliche Zeit von nicht mehr als 1 Stunde empfohlen.

Bis zu einem gewissen Alter ist es uns als Eltern und Betreuungspersonen gut möglich, mit unseren Kindern klare Regeln bezüglich des Medienkonsums zu finden. Wichtig hierbei ist aber, dass wir Erwachsenen darauf achten, das diese Regeln auch wirklich eingehalten werden – und im besten Fall gehen wir auch mit gutem Beispiel voran und hängen selber nicht die ganze Zeit vor Handy, TV und Co.

Corona ist seit über 1 Jahr unser ständiger Begleiter. Was können Eltern tun, um ihre Kinder in dieser schwierigen Zeit aufzumuntern?

Ich rate dazu, offen und ehrlich mit den Kindern über die besondere Situation sprechen. Es gibt so schöne „Erklär-Videos“ online durch die auch schon die Kleinsten gut verstehen, warum es gerade so wichtig ist, dass wir alle gut auf uns und unsere Mitmenschen aufpassen. Und solche Zeiten erfordern eben auch besondere Maßnahmen. Bei uns wird zum Beispiel zur Zeit nachmittags sehr viel Eis gegessen und sehr viel gebadet ;-)

Ich finde es auch eine sehr schöne Idee, gemeinsam mit Kindern zu überlegen, was sie alles machen wollen, wenn es dann endlich wieder geht. All die Ideen und Wünsche können Familien gesammelt aufmalen oder aufschreiben – und sich gemeinsam darauf freuen!

Wie können Homeoffice-/Homeschooling-geplagte Eltern besser mit Stress umgehen?

Ich weiß, es ist schwer – aber die eigenen Ansprüche vielleicht immer mal wieder überdenken und überlegen, welche Dinge vielleicht auch zu einem späteren Zeitpunkt erledigt werden können. Und eben auch akzeptieren, dass man nicht alles schaffen kann.

Es ist vollkommen okay, wenn unsere Kinder in dieser Zeit auch mal 20 Minuten länger vor dem Fernseher sitzen als wir uns das eigentlich wünschen, wenn die Wäsche sich stapelt oder der Abwasch erst zwei Tage später gemacht wird. Wir sollten alle gerade unbedingt weniger streng und perfektionistisch mit uns, unseren Kindern und anderen Menschen in unserem Umfeld sein!

Gibt es etwas, was du selbst aus dem Pandemiealltag gelernt hast und gern weitergeben möchtest?

Oh ja: Schwächen zugeben und nach Hilfe fragen. Viele von uns verunsichert das aktuelle Weltgeschehen gerade sehr. Und wir verlieren den Blick für die Menschen um uns herum. Vielleicht gibt es da draußen Freunde die unsere Hilfe brauchen – oder eben auch Menschen, die uns bei manchen Dingen unter die Arme greifen können. Das herauszufinden lohnt sich immer! Hilfe geben und annehmen ist in Zeiten von Corona essentiell. Nur gemeinsam können wir durch diese Zeit kommen!

Vielen Dank für das Interview, liebe Sarah!

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